Dieter Call & Anja Voigt "Mobile Forschungsstation"

Fröhliche Wissenschaft / Künstlerische Forschung


„Länge, Breite, Höhe, Tiefe vieler Dinge kann man messen,
andre forschen ist zu wichtig, selbst sich prüfen bleibt vergessen.“
Friedrich von Logau (1605 – 1649)


Die Aktionsforschung ‚action research’ lässt sich auf den Sozialpsychologen Kurt Lewin vom MIT in Boston zurück führen. Ziel war es, die Distanz einer Pseudoobjektivität zwischen den Forschern und den Forschungsgegenständen durch Verantwortung und Verbindlichkeit aufzuheben. Die Forschungsgruppe-f (Zürich) übertrug das umstrittene Feld in die künstlerische Praxis. Es wurden Situationen geschaffen, die eine Distanz zwischen den Personen aufheben, die produzieren und denen die rezipieren. Es entsteht im Idealfalle ein künstlerisches Feld der vertrauensvollen Fragwürdigkeit. Die Fragen der künstlerischen Forschung verlangen keine Antwort. Das Forschungsergebnis ist ein Zustandraum. Die Nähe subjektiviert den grundsätzlichen Auftrag jeder Forschung, Fragen zu stellen (ahd. forscon = fragen). Eine Objektivität wird nicht beansprucht. Die Unterscheidung, Auswertung, Differenz verschwindet von der Oberfläche. Die Forschungsgegenstände stellen ebenso Fragen an die ForscherInnen wie umgekehrt. Die Forschung ist Gegenstand der Forschung. Die gegenseitige Beeinflussung wird zugelassen und verändert die Beteiligten. Die Forschungsstation von Anja Voigt und Dieter Call (S_A_R) sehe ich in dieser Tradition. Zur Erforschung der Wassertiere im Rhein-Neckar Verbindungskanal in Mannheim (AG AST / Arbeitsgemeinschaft Anastrophale Stadt) setzen sie eine Forschungsstation auf die Wasseroberfläche, um sich darin über einen längeren Zeitraum Tag und Nacht aufzuhalten. Es wird kein Fisch gefangen. Schwäne kreisen um die Station. Der richtige Einsatz des Wallerholzes lockt den Wels aus der Tiefe. Der Wels wird nicht gefangen, nicht fotografiert. Es entsteht ein räumliches Verhältnis, ein Bewegungs- und Handlungsablauf, ein unsichtbares Bild, eine Ahnung. Oft sind diese künstlerischen Forschungsfelder unspektakulär und verlangen Beharrlichkeit. Das Forschungsergebnis ist der offene Prozess. Der Begriff „Künstlerische Forschung“ vertritt den methodischen Ansatz der Bereitschaft, sich auf experimentelle Felder einzulassen, die noch nicht erprobt sind oder die, weil unsicher und fragwürdig, dem Wesen der künstlerischen Intension entsprechen. Ein kleiner See auf dem ein zeltartiger Raum schwimmt, Tage auf Eisenbahnschienen verbringen, Forschungsstationen, die Räume verhandeln ohne sie zu erobern......  

Prof. Georg Winter
Bildhauerei/ Public Art, HBK Saar Saarbrücken


 

Die Wirtschaft schwächelt, Einwohner wandern ab - in schwerer Stunde befragt das Saarland die moderne Kunst. Kann die „SaarArt“ dem Bundesland einen neuen Anstrich verpassen?

Die Lage ist [ernst] [...], aber verlangt sie nicht nach einer radikal albernen Reaktion? Dieter Call und Anja Voigt dokumentierten in diesem Sinne eine umständliche, aufwendige und inspirierend absurde mobile Forschungsstation. Sie definieren sie nicht nur als Labor, sondern auch als „Habitat, welches einen Aufenthalt über eine bestimmte Zeit hinweg ermöglicht“. Ein Satz, der die Arbeitswelt revolutionieren könnte.

 

FAZ, 16.6.2013